Delhi: Eintauchen in das 26 Millionen Menschen Moloch

Delhi ist eine der ├╝berf├╝lltesten Regionen des Planeten. Wir wagen uns einen Tag hinein!

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Vorurteile helfen dem Geist, Dinge und Gegebenheiten schnell einzuordnen und bewerten zu k├Ânnen. Jeder Reisende hat Vorurteile, seien sie nun gut oder schlecht. Sind sie gut, nennt man sie vermutlich Erwartungen. Sind sie schlecht, sind es Vorurteile. Bald darf ich das f├╝nfzigste Land auf meinem Reisekonto verbuchen und da kann ich behaupten, Reiseerfahrung zu besitzen. Doch auch wenn ich nahezu immer vorurteilsfrei aus einem Land herausgehe, so gehe ich mit einem h├╝bschen Blumenstrau├č voller bunter Vorurteile in ein Land hinein. Auch das macht eben Reisen aus. Doch bei keinem Land, das muss ich gestehen, war der Vorurteilsblumenstrau├č so gro├č, wie bei Indien. Ein ganzer Vorurteilswald! Ist Reisen in Indien sicher (Jein)? Bekommt wirklich jeder Reisende Magenprobleme in Indien (JaÔÇŽ)? Ist Reisen in Indien wirklich so nervenzehrend (Ja!)? Und ist der ganze Stress eine Reise nach Indien ├╝berhaupt wert (Ja!!!)?

Stra├če Neu Delhi
Auf den Stra├čen von Delhi geht es gesch├Ąftig zu

Wir entscheiden uns f├╝r eine gef├╝hrte Tour

Eine Rundreise durch Indien war eigentlich von vornherein auf unserer Weltreise nicht geplant. Da wir aber vor der s├╝dostasiatischen Regenzeit nach Sri Lanka geflohen sind, schien uns eine Reise durch Indien naheliegend, wenn wir schon einmal in der Gegend sindÔÇŽ Nach ├╝ber hundertf├╝nfzig selbstorganisierten Reisetagen auf dieser Weltreise haben wir uns bei unserer Indienreise dazu entschieden, eine gef├╝hrte Tour zu machen. In den kommenden drei Wochen wird ein indischer Tourguide uns und unsere zw├Âlf Mitreisenden durch Rajasthan f├╝hren und uns Entscheidungen, Organisation und Recherche abnehmen. Wie wundervoll! Und gleich vorweg: Das hat sich gelohnt! Unsere Tour h├Ârt auf den Namen ÔÇ×Rajasthan and Varanasi on a shoestringÔÇť und kann bei GAdventures direkt oder auch bei STAtravel gebucht werden. Wir haben ein Sonderangebot erwischt und anstelle der sonst f├Ąlligen 900-1100 Euro (schwankt je nach Datum) nur 680,- Euro bezahlt. Schnapper, oder?

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Delhi - Bikaner - Jaisalmer - Jodhpur - Udaipur - Pushkar - Jaipur - Agra - Varanasi - Delhi

Die Einreise: Im Vorfeld aufwendig, dann ganz leicht

Zwei Tage vor unserer Tour befinden wir uns im Landeanflug auf Delhi. Schon aus der Luft werden wir uns der Gr├Â├če dieser Stadt bewusst: 26 Millionen Menschen leben in der Metropolregion Delhi, ein Drittel von ganz Deutschland. Und weil wir ja in den kommenden Wochen einen Guide an der Hand haben, beschlie├čen wir, unsere ersten zwei Tage au├čerhalb von Neu-Delhi in Guargaon zu verbringen. Zwei Tage ÔÇ×ErstmalankommenÔÇť, Ruhe und gutes Internet. Essen vom Lieferdienst, einfach mal nicht das Bett verlassen. Nur 20 Minuten vom Flughafen Delhi entfernt, eignet sich das Bed n Oats daf├╝r absolut perfekt! Es ist die beste Unterkunft, die wir auf unserer Indienreise haben sollten.

Die Einreise nach Indien selbst gestaltet sich ├╝brigens als ziemlich unproblematisch. Ausdruck des zuvor beantragten E-Visums (65,- US-Dollar) vorzeigen, in die Kamera gucken, Fingerabdr├╝cke abgeben und fertig. Von Cosi waren die Grenzbeamten derart angetan, dass sie auch gleich noch ein paar l├Ąchelnde Fotos in die Kamera abgeben durfte. Das Ausf├╝llen des e-VISA Antrages online im Vorfeld ist allerdings ein richtiger Marathon, daf├╝r unbedingt Zeit einplanen!

Visum Indien Einreise
Endlich: Das Visum ist beantragt, die Einreise geschafft

Nach diesen zwei Tagen schnappen wir uns ein Uber-Taxi und lassen uns direkt zum Gruppentreffpunkt fahren. Das Hotel Perfect, das zwar nett aber ganz und gar nicht perfekt ist, ist der Start- und Endpunkt unserer Rundreise durch Rajastan. Dort treffen wir unsere Gruppe: Wir zwei Deutschen, ein Belgier, zwei Kanadierinnen, zwei Australier, eine Angolanerin und sechs Britinnen sind der bunt zusammengew├╝rfelte Haufen, der nun drei Wochen Indien unsicher machen wird. Reisen von Gadventures sind weltweit buchbar und daher sind die Reisegruppen auch immer international zusammengew├╝rfelt, das gef├Ąllt uns!

Drei Wochen Indien Reisegruppe GAdventures
Unsere Reisegruppe f├╝r die kommenden drei Wochen in Indien

Neu-Delhi: Das Chaos ist perfekt

Wer behaupten w├╝rde, Neu-Delhi sei eine sch├Âne Stadt, der scheint ein seltsames Verst├Ąndnis von ÔÇ×sch├ÂnÔÇť zu haben. Noch nie in meinem Leben ist mir auf einen Schlag derart viel Lautst├Ąrke, Dreck und Gewusel entgegengeschwappt, wie in Neu-Delhi. Die ganze Stadt ist ein absolutes Chaos in jeglicher Hinsicht. Wer sich durch Neu-Delhi bewegt, der braucht entweder eine tiefe innere Ruhe, Nerven aus Stahl, Beruhigungsmittel oder Ohr- und vor allem Nasenst├Âpsel. Nur Hanoi kann meiner Meinung nach mit dem Verkehrshorror mithalten, mit dem Neu-Delhi uns ├╝bersch├╝ttet. Autos, Roller, Tuktuks, Rikschas, Fahrr├Ąder, Fu├čg├Ąnger, meterhohe Handkarren, K├╝he, Hunde, Schweine, Ratten. Das und so viel mehr findet Platz auf zigspurigen Stra├čen, die eigentlich auch keine Spuren brauchen, da sich sowieso niemand an irgendwas h├Ąlt. Alles geht einher mit einem unfassbar intensiven Pr├Ąventivgehupe, Herumgefluche, -geschubse und -gedr├Ąngel.

Delhi ist in jeglicher Hinsicht ein Fest f├╝r alle Sinne, im Positiven wie im Negativen. Orientalische Gew├╝rze wechseln sich ab mit Kuhschei├če, und der Geruch zusammengepantschten Diesels wird vom s├╝├člichen Duft frischer Rosen verdr├Ąngt. Im Sekundentakt geht das so und um das zu verstehen, muss man es selbst erlebt haben, da reichen Worte nicht mehr, glaub mir. Und so sind wir schon am ersten Tag froh ├╝ber die Entscheidung, uns durch dieses unendliche Chaos mit einem Guide f├╝hren zu lassen. Bhagu, unser Guide, spricht sehr gutes Englisch, ist hilfsbereit, lustig, r├╝cksichtsvoll und gibt sein Allerbestes. Er selbst stammt aus Jodhpur, ist 26 Jahre alt und mit Herz und Seele Reisef├╝hrer. Sein Land m├Âchte er zeigen, mit Vorurteilen aufr├Ąumen, zum Besseren beitragen.

Ein Rundgang durch Delhis ├Ąrmste Viertel ├Âffnet Augen

Bhagu setzt gleich zu Beginn an einem sehr neuralgischen und nachdenklich machenden Punkt an. Ein ehemaliges Stra├čenkind der Slums von Neu-Delhi gibt uns einen kleinen Einblick in ihre ehemalige Welt. Die Gewinne aus den GAdventures Touren durch Indien kommen zu einem Gro├čteil den Menschen vor Ort zugute und so wird ein Teil des Geldes dazu verwendet, Delhis Kinder von den Stra├čen zu holen. Wir wuseln durch Labyrinthe von Stra├čen, Gassen, Unterf├╝hrungen und Hinterh├Âfen. Eine Parallelwelt, in der unsere Orientierung scheitert, das GPS versagt und in der wir ohne F├╝hrung vermutlich verloren w├Ąren. Der M├╝ll stapelt sich, die Wellblechh├╝tten biegen sich unter ihm. Das Elend ist hier sp├╝r- und sichtbar und gibt uns sp├Ątestens jetzt die Gewissheit: Wir sind angekommen und ja, dieses Land ist an vielen Stellen wirklich, wirklich verdammt arm. Das macht uns nachdenklich und betroffen und so halten wir in den wirklich beklemmenden Momenten aus R├╝cksicht die Kamera gesenkt, Armutstourismus, und sei er noch mit einem gutem Zweck im Hinterkopf, ist nichts f├╝r uns. Und dennoch hat dieser Ausflug in die Armut Delhis auch dazu beigetragen, unsere Sinne f├╝r die Probleme dieses Landes zu sch├Ąrfen.

Lal Qila: Das Rote Fort von Delhi

Eines der Highlights eines jeden Besuchers in Neu Delhi ist das Red Fort. Das Rote Fort ist UNESCO Weltkulturerbe und wurde vor fast vierhundert Jahren durch die Mongolen erbaut. Heutzutage ist es eines der Highlights f├╝r Besucher aus aller Welt. Insbesondere Architektur- und Detailverliebte werden hier ihre helle Freude haben und auch Geschichtsfreunde k├Ânnen durch den mehrsprachigen Audioguide eine Menge ├╝ber die Historie Indiens erfahren. Und f├╝r wen sich Delhi als Kulturschock erweist, was ich verdammt gut verstehen kann, der findet hier dank des f├╝r das g├╝nstige Indien verh├Ąltnism├Ą├čig hohen Eintrittes von 500,- Rupien f├╝r Touristen (ca. 6 Euro) ein wenig Ruhe und Entspannung auf der gef├╝hlt vielleicht einzigen Rasenfl├Ąche der Stadt. Hat uns ehrlich gesagt nicht ├╝berzeugt. Einheimische zahlen hier ├╝brigens nur 5 Rupien (ca. 6 Cent). Das ist hier, wie ├╝berall sonst auch in Indien, Touristenrassismus. Schade.

Die Jama Masjid Moschee ├╝ber den D├Ąchern von Delhi

Schon mehr nach unserem Geschmack ist da die Jama Masjid Moschee. Als eine der gr├Â├čten Moscheen der Welt trohnt sie auf einem H├╝gel ├╝ber der Stadt und kann bis zu 20.000 Gl├Ąubige auf ihrem Innenhof unterbringen. Das entspricht einem mittelgro├čen Fu├čballstadion. Sowieso ist Indien, das merken wir schnell, ein sehr multireligi├Âser Ort. Hier leben mehrheitlich Hindus neben Moslems und Sikhs. Christen, Juden und andere Religionen sind hier in der Minderheit, aber im Gro├čen und Ganzen herrscht ein friedliches und respektvolles Miteinander. So unser Eindruck. Das erinnert mich ein wenig an Jerusalem, wo es allerdings nicht ganz so reibungslos l├Ąuft.

Jama Masjid Moschee Delhi
Die Jama Masjid Moschee und das dahinter liegende Delhi

F├╝r uns sind hier die Highlights die malerische Architektur vor dem beeindruckenden Gro├čraum oder die grandiose Aussicht ├╝ber die Millionen Stadt Neu-Delhi von einem der beiden Minarette. F├╝r so ziemlich alle anderen Touristen scheinen wir allerdings die Attraktion schlechthin zu sein. Eine Gruppe hellh├Ąutiger Menschen erregt in Indien auch in 2018 noch jede Menge Aufsehen, wenn dann auch noch blonde Frauen dabei sind, gibt es gar kein Halten mehr: Schon fast wie Popstars m├Âchte auf einmal jeder (und jede) Umstehende ein Foto mit den M├Ądels ergattern und so bildet sich auf dem Zwanzigtausendleuteplatz eine gro├če Menschentraube, die brav der Reihe nach Fotos mit den exotischen Touristen machen m├Âchte. Eine interessante und lustige Erfahrung, die uns in Indien noch ├Âfters begegnen sollte.

Wei├če Touristen Indien Foto
Wei├če Touristen: In Indien selbst eine Attraktion

Nur einen vollen Tag haben wir im Millionenmolloch Delhi verbracht und nachdem wir den wuseligen Gew├╝rzmarkt der Stadt besucht und uns unseren Heimweg durch das Verkehrschaos mit Tuktuk und der (hervorragenden) U-Bahn von Delhi gebahnt haben, fallen wir ersch├Âpft in unsere Hotelbetten. Delhi ist Chaos, Delhi ist Reiz├╝berflutung. Delhi ist so viel was es nicht sein sollte und so viel, was es noch werden kann. ÔÇ×Probleme sind Chancen und Probleme hat Indien eine ganze MengeÔÇť hei├čt es in einem Bollywoodfilm, den wir uns sp├Ąter anschauen sollten und das merkt man gerade in der Hauptstadt gef├╝hlt an jeder Ecke. Und so sehr Delhi uns anstrengt und an den Nerven zehrt, so wenig m├Âchten wir diese Erfahrung missen, die man braucht, wenn man Indien ansatzweise verstehen m├Âchte.

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