Vilnius: Eine Stadt, wie aus der Zeit gefallen

Der erste Eindruck erschreckt uns. Wie gut, dass es einen Zweiten gibt…

Fährt man in Tallinn in die Stadt hinein, wird man empfangen von postmodernen Glaspalästen und Straßen, von denen man Essen könnte. Riga begrüßt mit der Staatsoper, einer traumhaften Altstadt mit prachtvollen Hansebauten die so herausgeputzt aussehen, als wären sie gestern erbaut worden. Und Vilnius, unser dritter und letzter Stop im Baltikum? Nun der erste Eindruck ist erschreckend, wie du gleich lesen wirst. Aber so viel sei gesagt: Nur der Erste!

Wir steigen aus dem Bus und haben das Gefühl, in einer anderen Zeit zu sein. Ich bringe diese Formulierung gerne im positiven Sinne, in diesem Fall jedoch fühlt es sich an, wie dreißig Jahre zurück in die DDR katapultiert: Farblose, triste Häuser, heruntergekommen fast bis zur Unbewohnbarkeit, aufgesprungener Straßenbelag und erst einmal kein Mensch weit und breit. Der erste Schritt aus dem Bus lässt Mario ein gedehntes „Oohjeee“ entweichen und den ganzen Kilometer bis zu unserem Hotel in der Innenstadt  erleben wir auch nichts, was diesen Eindruck erst einmal ändern sollte. Dass wir uns hier in der Europäischen Union befinden sollen, können wir einfach nicht glauben. Ja, für alle, die es sich bis hierhin nicht vorstellen können: Litauen ist Teil der EU und besitzt seit 2015 den Euro. Litauen ist darüber hinaus in der Union das Land mit den meisten Alkoholikern und führt mit traurigem Ruhm die Selbstmordstatistik derselbigen an. Man sollte natürlich vorsichtig mit Statistiken sein, aber die Tristesse in den Augen um uns herum ist tatsächlich spürbar. Selten habe ich so viele alkoholisierte und traurig dreinblickende Menschen gesehen.

Und es geht noch weiter…

Im Hotel angekommen, eingecheckt und das Gepäck abgelegt machen wir uns gleich hungrig auf den Weg, die letzten Sommersonnenstrahlen einfangen. Wenige Meter neben unserem Hotel gibt es einen kleinen Kiosk. Zum Checken der Preise ist so etwas hervorragend geeignet! Wir gehen hinein und uns klappt die Kinnlade herunter: So viel Alkohol zu so günstigen Preisen habe ich noch nie gesehen und hey: Ich war schon in einem halben Dutzend asiatischer Länder unterwegs. Nachhaltig in Erinnerung bleiben wird mir auch der Vodka-To-Go an der Kasse. Wo man bei uns eine Packung TicTac, Kaugummis oder einen Schokoriegel auf’s Band wirft, na da ist es hier eben ein Päckchen Vodka in diversen Ausführungen. Preis für die 200ml: 30 Eurocent…

Noch im Kiosk dringt eine fremde und ganz grässliche… nennen wir es mal Musik… an unsere Ohren. Wir verlassen ihn mit etwas zu essen und etwas Vodka-to-Go aus Neugier und stolpern mitten in eine seltsam gekleidete und „musizierende“ Gruppe der Hare-Krishna-Bewegung hinein. Mit ihren seltsamen, indisch wirkenden Klamotten und ihren fremdartigen Texten sind sie derart deplatziert in diesem Moment, dass es skurriler kaum sein könnte. Kaum, denn als eine alkoholisierte Frau eine leere Vodkaflasche auf die Menschenansammlung wirft und unverständlichen aber mit Sicherheit nicht sonderlich charmanten Kauderwelsch hinausschleudert, ist die Szene perfekt. Wo sind wir hier noch gleich? Ah ja… Willkommen in Litauen!

Hare-Krishna-Bewegung Vilnius

Eine Gruppe der Hare-Krishna-Bewegung mitten in Vilnius

Wenn ich als Backpacker und Vielreisender eines gelernt habe, dann, nicht vorschnell zu urteilen. Mein erster Kontakt mit der Südsee auf den Fiji-Inseln war auch eine schlammig-braune, nach Fisch stinkende Plörre und letztendlich habe ich dort die blauesten Strände unter den paradiesischsten Palmen gefunden, die ich mir hätte vorstellen können. Also, auf in die Innenstadt von Vilnius!

Und wieder: Wie in einer anderen Welt

In Vilnius wie auch in unseren vorherigen baltischen Städten muss man ganz klar zwischen einer Altstadt und Neustadt trennen. In Köln kennt man das, in Augsburg und Trier auch. Wer aus Berlin oder Hamburg kommt, dem sind Städte mit Stadtmauern weitestgehend fremd. Und so heruntergekommen wie Vilnius außerhalb der historischen Stadttore auch scheint, so niedlich ist es hinter ihnen: Bars, Cafés und Restaurants reihen sich aneinander in Häusern, die es selten über zwei Stockwerke schaffen. Süß! Überhaupt wirkt das alles andere wie eine europäische Hauptstadt. Vilnius erinnert mich irgendwie an Göttingen oder Münster, ist aber mit knapp einer halben Million Einwohnern dann doch noch eine ganze Ecke größer, wirkt aber nicht so!

Wer Ferngeschehen schon etwas länger folgt weiß, dass wir sehr gerne auf das Prinzip der Free Tours setzen: Örtliche, oft sehr junge Führer bieten kostenlose, geführte Touren durch die Städte an, so auch in Vilnius. Charmant, persönlich, individuell und einfach einmal anders. Das monotone Gelabere von in die Jahre gekommenen und überroutinierten Stadtführern will sich doch keiner anhören. Am Ende gibt man dann (selbstverständlich) ein ordentliches Trinkgeld, denn die Tourguides leben nicht selten von diesem Geld. In unserem Fall waren das etwa 18,- Euro pro Person, denn die Dame hat das wirklich sehr gut gemacht!

Užupis: Das kleine Künstlerutopia mitten in Vilnius

Ganz Vilnius ist litauisch. Ganz Vilnius? Nein! Ein von unbeugsamen Gall… lassen wir das. Aber es ist tatsächlich so: Užupis ist ein Staat im Staat. Oder zumindest will es das mal sein, wenn es groß ist. Der winzige Stadtteil am Rande der Altstadt von Vilnius gelegen behauptet von sich, ein kleiner Staat im Staate zu sein.

Allerdings im Gegensatz zum australischen Prinz Leonhard von Hutt River , der das Thema sehr ernst nimmt, nimmt man es hier mit einer gehörigen Portion Humor. In der eigens gegebenen Verfassung stehen so halbwegs ernstgemeinte Artikel wie:

…aber auch eher Ernsteres, wie…

Alle 41. Artikel der Verfassung finden sich zum Nachlesen bei der Wikipedia. Eine schöne Idee, die in vielfacher Weise zum Nachdenken anregt.

Die Verfassung von Užupis Vilnius Litauen

Die Verfassung von Užupis

Užupis ist ähnlich wie das Pariser Montmartre eine Künstlerkolonie. Zahlreiche Kunstgalerien, Künstlercafés und im Freien ausgestellte Werke sind auf den knapp 600 Quadratmetern „Staatsgebiet“ zu bestaunen. Eingerahmt vom idyllischen Fluss Vilnia und unter schattigen Bäumen ist es ein wirklich schöner Fleck für eine kleine Sightseeing-Pause. Es gibt hier übrigens eine Statue eines Jesus mit Backpack! Das sagt alles, oder? Ein paar Euros in der Spendenbox nicht vergessen, für das kleine Utopia am Fluss!

Kirchen über Kirchen

Litauen ist, wie im Baltikum sehr verbreitet, ein ausgesprochen katholisches Land. Mehr als drei Viertel der Einwohner sind Katholiken, entsprechend viele Kirchen gibt es in der kleinen Stadt. Im Gegensatz zum bombastischen Rom sind es hier eher die kleineren Holzkirchen, die mit ihrem ganz eigenen Charme begeistern können, aber auch die ein oder andere größere Kirche beeindruckt und lässt sich nur schwer übersehen. Ich selbst konnte mich nie sonderlich für Kirchen erwärmen, aber ich kenne viele, die es können und deshalb der Tipp hier an dieser Stelle. Die Bevölkerung hier ist übrigens sehr stolz auf ihre katholische Vergangenheit und ihre Kirchen.

Natürlich hat Vilnius auch mehr als nur Kirchen zu bieten. Entgegen des erschreckenden ersten Eindrucks, kommt die Altstadt erstaunlich sauber, aufgeräumt und ja… einfach süß daher. Zwar begegnen uns auch hier wirklich erstaunlich wenige Menschen und noch weniger Touristen aber sein wir mal ehrlich: Das ist doch auch mal ganz angenehm, oder? Wir verbringen hier den Nachmittag und lassen uns von Haus zu Haus und Straße zu Straße treiben. Vilnius ist, wen wundert es, wunderbar zu Fuß zu erkunden und das nutzen wir an diesem sonnigen Tag ausgiebig.

Unser Tag in Litauen neigt sich langsam dem Ende. Wir lassen den Tag auf dem Hügel der Artilleriebastion ausklingen. Die Sonne verschwindet langsam hinter den niedrigen Häusern, noch immer sind es knapp 26 Grad im Sommer. Auch das ist eine der vielen Überraschungen, die die Stadt für uns bereitgehalten hat. Über den ersten Eindruck hinweggesehen hat sich Litauen in unser Herz gespielt. Ich für meinen Teil mache aus Zuneigung zu diesem kleinen Land seitdem ordentlich Werbung für das Baltikum im Allgemeinen und Litauen im Speziellen.

Litauen ist das „Er war stets bemüht“ unter den EU-Ländern und wirklich: Es ist stets bemüht! Litauen zeigt uns wieder einmal, wie unglaublich gut wir es haben und wie anders es nur wenige hundert Kilometer weiter östlich in der EU aussieht. Und dennoch: Auch hier hat man das Lächeln nicht verloren, auch hier geht das Leben weiter und auch hier gibt es wunderschöne Ecken zu entdecken und wunderschöne Momente zu erleben. Es sind gerade die kleinen Ziele auf der großen Karte, die die Großen klein erscheinen lassen. Für weniger London und mehr Vilnius! Darauf ein kühlen Blondes. Oder zwei. oder drei…

Für Abenteurer. Für Träumer. Für dich!

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