Ein Tag in Tallinn: Mittelalter trifft Moderne

Mittelalter hoch im Norden: Wir erwarteten nicht viel, doch Tallinn überrascht uns!

Die drei Baltischen Tiger Estland, Lettland und Litauen  haben in den letzten Jahren einen fast beispiellosen Boom hingelegt: Innenstädte wurden modernisiert, die Infrastruktur ausgebaut, der Tourismus gefördert. Seit einiger Zeit existieren auch sehr gute und günstige Flugverbindungen zwischen den drei Staaten und Deutschland. Für unter fünfzig Euro für Hin- und Rückflug ist man von Deutschland aus schon dabei! Nicht nur wegen dieser Preise sondern auch wegen der noch relativ untouristischen Ziele ist es höchste Zeit, dem Baltikum einen Besuch abzustatten. Drei Länder, sechs Tage. Erster Halt: Tallinn, Estland!

Mit Ryanair landen wir nach nur etwas unter zwei Stunden Flugzeit von Bremen kommend in Tallinn. Nach nur wenigen Minuten Fußweg sitzen wir auch schon im Bus in die Innenstadt auf dem Weg zu unserem Hotel. Löbliche 80 Cent kostet diese Busfahrt und ja, Estland ist seit dem Jahr 2011 Mitglied der Eurozone. Peinlich, aber hatten wir auch nicht so richtig auf’m Schirm. Schon auf dem Weg zum Hafen, wo unser Hotel liegt, fällt auf: Hier wurde viel Geld in die Hand genommen. Die Straßen sind brandneu asphaltiert, die modernen Hybrid-Busse spiegeln sich in den Glasfassaden der Prachtgebäude, während wir eine Kreuzung nach der anderen passieren. Viele Milliarden an Subventionen sind seitens der EU in den letzten Jahren hier geflossen und das merkt man.

Klein wie eine Vorstadt… Aber so viel schöner!

Tallinn selbst ist von der Einwohnerzahl in etwa mit Duisburg zu vergleichen. Knapp 420.000 Menschen leben hier. Tallinn stellt damit mit Abstand die größte „Metropole“ des Landes dar, hat Estland doch nur knapp 1,3 Millionen Einwohner. Stell dir mal vor, in Berlin würden 24 Millionen Menschen wohnen, das wäre in Deutschland in etwa vergleichbar. Die Stadt empfängt uns mit angenehmen 23  Grad und Sonne, das ist zu dieser Jahreszeit und in diesen Breitengraden eher die Ausnahme denn die Regel. Glück gehabt! Etwa die Hälfte der Tallinner, Tallinnesen, Tallinnisten… whatever… jedenfalls nur die Hälfte der Menschen in Tallinn sind Esten, vierzig Prozent sind Russen. Nach dem Mauerfall hat man sich dann aber lieber doch an den Skandinaviern als an den Russen orientiert, was sich kulturell überall widerspiegelt. Tallinn ist eindeutig eine sehr skandinavische Stadt, den osteuropäischen Einschlag, den die Stadt ja eigentlich irgendwie haben müsste, bemerkt man hier nirgends. So, genug Wikipedia-Facts über Tallinn und Estland, was kann man denn hier eigentlich so unternehmen, wenn man nur einen vollen Tag Zeit hat?

Tallinn ist eine Stadt der zwei Welten

Die ehrliche Antwort ist: Es gibt nicht allzu viel zu tun aber viel zu sehen! Die Stadt wird in Altstadt und Neustadt unterteilt. Historisch und architektonisch interessant ist natürlich vor allem die Altstadt, aber auch in der Neustadt findet ein Tourist ein breit gefächertes Angebot aus Kunstgalerien, Theatern, Museen und Ausstellungen. Ist ja alles nicht so meins. Erst recht nicht, wenn man nur einen vollen Tag Zeit hat. Die Altstadt wurde übrigens als „außergewöhnlich vollständiges und gut erhaltenes Beispiel einer mittelalterlichen nordeuropäischen Handelsstadt“  1997 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Das hat logischerweise zur Folge, dass die Altstadt quasi konserviert wurde, jedoch haben die Restaurateure hier wirklich ganze Arbeit geleistet: Tallinns Altstadt ist Mittelalter aus dem Bilderbuch und einfach herrlich anzusehen!

Ob die Alexander-Nevsky-Kathedrale mit den weithin sichtbaren Zwiebeltürmen, das estnische Parlament oder die auf einem Plateau gelegene hohe Alstadt im Ganzen: Der Gang durch eines der vielen hübschen Stadttore kommt einer Zeitreise gleich. Gläserne Bankentürme und spiegelglatt polierte Fußwege weichen urplötzlich grob behauenem Pflasterstein, urigen Plätzen und verwinkelten Gässchen.

Der Straßenlärm bleibt außen vor, Autos fahren hier nämlich kaum. Leider hat sich die Extravaganz dieser Stadt wohl auch anderswo herumgesprochen und entgegen unserer Erwartungen ist die Altstadt zumindest auf ihren Hauptverkehrsstraßen völlig überfüllt mit vornehmlich asiatischen (was eine Überraschung) und skandinavischen Touristen. Einfach ignorieren!

„In der Altstadt herumlaufen? Ist das echt dein bester Tipp für Tallinn?“ Echt, ja! Ist es! Während du in der Neustadt vom tausendsten Zara, Mango & Co. erschlagen wirst, tauchst du in der Altstadt in eine ganz ruhige Welt ein: Straßenkünstler bieten ihre Bilder an, kleine Cafès und Restaurants laden überall zum Essen und Trinken ein und ab und an tuckern Oldtimer an uns vorbei. Du wolltest schon immer einmal so richtig mittelalterlich essen? In Tallinn kannst du das hervorragend! Interessanterweise ist Tallinn außerhalb der Altstadt eine sehr umtriebige und sehr wuselige Stadt, in der Altstadt hingegen ist es an vielen Ecken fast schon gespenstisch ruhig. Komisch eigentlich, oder? Denn in nahezu allen Städten, die ich kenne, ist es genau andersherum.

Praktisch: Tallinn ist klein und kompakt

Das wird alle Tagesreisenden freuen: Tallinn ist eine sehr kleine und überschaubare Hauptstadt und eignet sich hervorragend für einen Kurztrip oder eine Durchreise! Man braucht hier – gutes Schuhwerk vorausgesetzt – kein Bus- oder Tramticket, eine U-Bahn gibt es hier nicht. Die Altstadt ist fußläufig bequem zu erkunden und auch für die Neustadt benötigt man keine Verkehrsmittel. Feste Schuhe sind fast schon ein Muss in Tallinn. Tallinn ist nämlich für eine Stadt erstaunlich bergig…

Autsch, teuer: Empfindliche Preise in Tallinn

Das wird alle Budgetreisenden nicht so freuen: So schön Tallinn auch ist, Tallinn ist teuer. Wer mit der Erwartung anreist, hier die noch recht überschaubaren osteuropäischen Preise vorzufinden, wird enttäuscht. Bewegen sich die Supermarktpreise in etwa auf deutschem Niveau, zahlt man für das Auswärtsessen und -trinken echt gut Geld. Öffentlicher Nahverkehr ist sehr günstig, den braucht allerdings in dieser kleinen Stadt auch kaum jemand. Estland ist übrigens ein außergewöhnlich fortschrittliches Land und auch Kartenzahlungen sind in Tallinn überhaupt kein Problem. Das macht die Summen allerdings auch nicht kleiner, sie können das Budget eines Backpackers strapazieren und liegen gerne mal auf doppeltem Niveau im Vergleich zur Heimat. Findet man dann mal ein vermeintlich preiswertes Essen, ist die Portion oft echt ein Witz! Doch woher kommt das?

Mit dem Helikopter übers Meer

Das Preisniveau hat einen einfachen Grund: Tallinn ist ein Lieblingsziel vieler Touristen der Region. Vor allem die Finnen lieben die romantische Stadt am Meer wegen ihrer altertümlichen Bauten, der (für sie) sehr günstigen Preise und der vielen Clubs und Bars mit für sie ebenfalls sehr niedrigen Alkoholpreisen. Daher dürfte das für uns hohe Preisniveau stammen. Und so kommen jedes Wochenende Heerscharen von Finnen über die nur 80km breite Meerenge von Helsinki nach Tallinn geflogen um sich in der estnischen Hauptstadt zu vergnügen. Mit dem Helikopter ist diese Strecke in unter 20 Minuten zu bewerkstelligen. Mit etwas unter zweihundert Euro je Flug hin und zurück für viele Finnen durchaus erschwinglich. Wir haben das in der Kürze der Zeit jetzt nicht ausprobiert, aber ein Kurztrip nach Helsinki hätte schon einen Reiz…

…und dann ist da noch der Strand

Wer mich kennt der weiß, wie sehr ich das Meer liebe. Nun ist Meer nicht gleich Meer und die Ostsee ist sicherlich nicht die Südsee aber dennoch hat jeder noch so kleine Strand ein ganz besonderes Flair. Und Tallinns Strände sind gar nicht mal klein, im Gegenteil! Vor allem sind sie lang und erstaunlich weiß. Gesäumt von Wiesen und leichten Dünen könnte man hier dem Großstadtlärm entfliehen, wenn es Lärm denn geben würde. Gibt es aber nicht und so sind Tallinns Strände eine weitere Ruheoase dieser niedlichen baltischen Stadt.

Strand in Tallinn

Tallinn verfügt über lange Ostseestrände

Mittelalter trifft Moderne

Tallinn hat viel zu bieten: Findet man im inneren Kern viel Historisches, Architektonisches und Kulturelles, so sprüht die Neustadt voller Clubs, Bars und einem lebendigen Nachtleben. Letzteres ist für uns leider nicht drin, wir müssen ja schon früh am nächsten Morgen weiter nach Riga. Ein besonderes Highlight ist für uns die alte und ausrangierte Stadthalle Tallinna Linnahall. Eher einem sowjetischen U-Bootbunker ähnelnd liegt sie in der Neustadt direkt am Meer und dennoch hoch über der Stadt und verfällt und verwächst ganz langsam.

Linnahall Tallinn

Nightclub Poseidon in der Linnahall

Doch mitten in diesen einzigartig verlassenen Ort wummert plötzlich Musik. Ein Nachtclub hat sich hier direkt am Meer in dieser einzigartigen Kulisse, die auch ohne Probleme einem Bond-Film entstammen könnte, niedergelassen und lässt schon einmal seine DJs warmwerden. Warm ist ein gutes Stichwort denn in diesem Moment geht die Sonne hinter den Dächern der Stadt unter und wir heben ein kaltes Bier auf diese süße Stadt, denn jeder Abschied sollte mit einem Sonnenuntergang enden… Nächster Halt: Riga!

Sonnenuntergang Tallinn

Jede Reise sollte mit einem Sonnenuntergang enden…

Für Abenteurer. Für Träumer. Für dich!

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