St. Petersburg Aussicht Ausblick

Sankt Petersburg: Venedig des Nordens

Wie die Stadt Vorurteile vertrieb und warum sie ein vollkommen unterschätztes Reiseziel ist

Seit letztem Jahr haben es sich mein guter Freund Mario und ich zur Aufgabe gemacht, jeden Sommer mal in eine Ecke Europas zu schnuppern, die nicht unbedingt auf den ausgetrampelten Touristenpfaden liegt. Spanien kann ja jeder. Im vergangenen Jahr bereisten wir Tallinn, Riga und Vilnius in den drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Littauen. Dieses Jahr stehen die russischen Metropolen St. Petersburg und Moskau auf unserer Liste.

Vor jeder Reise außerhalb der EU steht eine Einreise. In den meisten Fällen bekommen man mit einem deutschen Reisepass –der übrigens der vielseitigste Reisepass der Welt ist– bei der Einreise einen Stempel und darf daraufhin das Land passieren. Nicht so in Russland. Neben einer gültigen und in Russland zugelassenen Auslandsreisekrankenversicherung benötigst du noch eine touristische Einladung und einen Beweis der Rückreisewilligkeit (z.B. Rückflugticket oder Gehaltsnachweis).

Visum Russland

Endlich: Das russische Visum (sensible Details unkenntlich gemacht)

Ein Hotel direkt am Airport

…hat viele Vorteile! Der größte aber ist eindeutig, dass man sich gleich nach der Ankunft ins Bett fallen lassen kann ohne noch lange Transfers in Kauf nehmen zu müssen. Der Transfer vom Airport St. Petersburg (LEN) ins Zentrum dauert nämlich eine geschlagene Stunde. Unser Hotel ist das Park Inn Pulkovo Airport Hotel. Für knapp um die 50 Euro pro Person je Nacht gibt es neben den kurzen Laufwegen hier toll ausgestattete Zimmer, eine 24-Stunden-Bar, ein Fitnessstudio und natürlich freies WiFi.

Doppelzimmer

Doppelzimmer im Park Inn by Radisson Pulkovo Airport

Herausforderung: St. Petersburg in 24 Stunden

Gleich vorweg: Das ist eine dumme Idee! St. Petersburg ist mit knapp vier Millionen Einwohnern eine der größten Städte Europas und genau so groß wie sie klingt, ist die Stadt nun mal auch. Organisatorisch bedingt hatten wir aber leider keine Wahl zu einem Extrem-Kurztrip. Mindestens zwei, wenn nicht sogar drei Tage solltest du für einen Besuch hier schon mitbringen. Schier überwältigt bei der Planung unserer Laufroute mussten wir viel zu viel von unserer Das-würden-wir-gerne-sehen-Liste streichen.

Erster Eindruck: Wow!

Mit so viel Prunk, Glanz und Gloria hatten wir wirklich nicht gerechnet. Museum unter freiem Himmel oder auch Venedig des Nordens wird St. Petersburg genannt. Zu ihrem 300. Geburtstag vor knapp 13 Jahren wurde die Stadt für Milliardensummen mit viel Liebe und Sorgfalt renoviert und das merkt man! Wäre hier nicht so viel Verkehr, ich würde vom Boden essen. Ob Marmor oder Blattgold, die Stadt glänzt und glitzert in der Sonne wie kaum eine andere, die ich vorher besuchen durfte. Apropos Sonne: Entgegen unserer Befürchtung empfängt uns St. Petersburg im Sommer mit (noch) Wolken und grandiosen Temperaturen jenseits der 30 Grad. In Russland, wer hätte das gedacht?

Streichen solltest du aber auf jeden Fall nicht eines der Wahrzeichen der Stadt: Der Winterpalast (Eremitage) ist von außen eine prächtige Erscheinung, blankpoliert und in Schale geworfen wie der Rest der Stadt. Im Inneren beherbergt der Palast eine der größten Kunstsammlungen der Welt mit Werken von Picasso, Rembrandt und Rubens. Ähnlich viel Kunst und Pomp gibt’s wohl nur noch im Vatikan. Aber auch der Innenhof lädt (kostenfrei) zum Schlendern, Entspannen und Staunen ein. Die Zaren müssen wirklich unermesslich reich gewesen sein…

St. Petersburg Winterpalast Innenhof

Der Preis ist heiß

Über die Sanktionen gegen Russland und den niedrigen Ölpreis mögen andere streiten, für Reisende nach Russland haben sie einen absoluten Vorteil: Die Russische Währung, der Rubel, ist seit knapp zwei Jahren auf Talfahrt, nie war es günstiger in das Zarenreich zu reisen. Kostete beispielsweise ein großes Bier in einer Bar direkt im touristischen Zentrum der Stadt früher umgerechnet knapp fünf bis sechs Euro, so bekommst du das gleiche Bier heute für zwei bis drei Euro. Hier ein paar Preise nach aktuellem Stand (August 2016) in der Übersicht:

  • U-Bahn Einzelfahrt: etwa 50,- Rubel (0,70 Euro)
  • Frühstück im Cafè: etwa 300,- Rubel (4,30 Euro)
  • Großes Bier: etwa 140,- Rubel (2,- Euro)
  • Vodka 50cl: etwa 200-400,- Rubel (3-6,- Euro)

Du merkst schon: Wirklich teuer ist es in St. Petersburg nicht, einen schönen Tag zu verbringen. Nun gehört da natürlich mehr als ein Bierchen und ne U-Bahnfahrt dazu aber die Kosten in St. Petersburg generell scheinen für uns nirgendwo wirklich hoch zu sein.

Im Sommer wird es (fast) nie dunkel

Die St. Petersburger nennen diese ganz besondere Zeit Die Weißen Nächte. Die Stadt schimmert von Mitte Juni bis Anfang Juli in einem nicht enden wollenden silbrigen Licht. Die Menschen treffen sich in dieser ja fast schon magischen Zeit zu ausgelassenen Feiern am Ufer der gigantischen Newa, die durch St. Petersburg fließt: Picknicken, trinken, feiern und genießen die wenigen wirklich warmen Tage im Jahr. Ein besonderes Highlight ist das Hochziehen der Newa-Brücken für den nächtlichen Schiffsverkehr, das von beiden Ufern des Flusses lautstark bejubelt und gefeiert wird.

Newa-Brücken St. Petersburg bei Nacht

Nachts werden die riesigen Newa-Brücken hochgezogen

Eine Stadt mit Strand… und Soldaten?

Apropos Newa: Der mit 75km Länge sehr kurze aber dafür extrem breite Strom ist die Lebensader der Stadt. An der breitesten Stelle ist der Fluss etwa doppelt so breit wie der Rhein in Köln und wer schon mal dort war, der weiß, dass das wirklich wirklich breit ist! Die Newa ist gesäumt von Prachtbauten, Parks und Flanierstraßen und lädt geradezu dazu ein, den Tag am Ufer zu verbummeln. Auch ein Stadtstrand darf natürlich nicht fehlen und den gibt es auch, wenn auch recht unspektakulär und ein wenig versteckt. Versteckt und zumindest für uns auch erst einmal nicht erreichbar, denn auf dem Weg dort hin versperren uns stramm stehende Soldaten den Weg. Ohne Erklärung, ohne Nutzen, ohne Bewegung. Einfach so stehen sie da und starren geradeaus. Das sind dann wohl Dinge, die es nur in Russland gibt.

Putin gefällig?

Souvenirs aus Russland sollten natürlich nicht fehlen. Die Auswahl ist jedoch ziemlich… nun ja bescheiden, will man nicht gerade ein Putin-Shirt, eine Putin-Tasse, eine Putin-Mütze, ein Putin-Badeshirt oder ein Putin-Topflappenset kaufen. Ihr habt das Prinzip glaube ich verstanden. Der Personenkult von Russlands Präsidenten ist in St. Petersburg allgegenwärtig. Aber entgegen der Vermutung vieler Freunde und Bekannten haben wir uns in Russland zu keiner Zeit unfrei, eingeschränkt oder gar unwohl gefühlt.

Putin Souvenirs St. Petersburg

Putin ist allgegenwärtig

Sehenswürdigkeiten gibt es in St. Petersburg wahrhaft genug! Wie schon gesagt, mussten wir uns aber auf eine kleine Auswahl beschränken, da wir für die ganze Pracht der Stadt einfach nicht genug Zeit mitbringen konnten. Musst du schon den Rotstift ansetzen, gibt es ein paar Ziele, die du von deiner Liste auf jeden Fall nicht streichen solltest!

Die Zarenresidenz Schloss Peterhof

Jajaja das Schloss steht in wirklich jedem Reiseführer, aber das hat auch einen Grund: Es ist beeindruckend! Dreißig Kilometer vor der Stadt gelegen erreicht man den ehemaligen Landsitz von Zar Peter bequem mit dem Schnellboot, darf sich dann allerdings auf empfindlich lange Besucherschlangen einrichten. Denn so unüblich Russland für uns Europäer als Reiseziel zu sein scheint, so gerne steuern (mal wieder) Horden von Chinesischen Touristen St. Petersburg an. Die Fontänen des Schlosses funktionieren übrigens vollständig ohne Strom und Pumpanlagen – und das seit Jahrhunderten: Natürliche Quellen und Gefälle helfen dabei, das Wasser in die Höhe schießen zu lassen.

Schloss Peterhof

Die Fontänenkaskade von Schloss Peterhof wirkt mehr als malerisch…

Das und die barocke Pracht der ganzen Parkanlage machen das UNESCO-Weltkuluterbe Peterhof zu einem der beliebtesten Ausflugsziele der Russen und Touristen. Die Hin- und Rückfahrt mit dem Schnellboot ist für zusammen 1400,- Rubel (ca. 20,- Euro) zu haben, der Eintritt kostet etwa 900,- Rubel (ca. 13,- Euro). Glücklich schätzen dürfen sich hier wie auch an sehr sehr vielen anderen Sehenswürdigkeiten mal wieder Studenten mit internationalem Studentenausweis (ISIC), denn sie bekommen oftmals sehr hohe Rabatte auf die Eintrittspreise! Doch Vorsicht: Die Russen gucken wirklich sehr genau nach, ob der Ausweis noch gültig ist…

St. Petersburg von innen

Leider haben wir nur wenige der Sehenswürdigkeiten von St. Petersburg in der kurzen Zeit gesehen. Noch weniger Zeit blieb dementsprechend, uns das ein oder andere Bauwerk auch mal von innen anzusehen. Angenehmerweise halten sich die Schlangen von Besuchern recht in Grenzen, wenn auch die Sehenswürdigkeiten an sich dann doch sehr überlaufen sind.

Den Sonnenuntergang über der Stadt genießen…

…ist so ein Städtereisen-Tick von mir. Die Stunde um den Sonnenuntergang herum ist die absolut schönste des ganzen Tages, warum sie also inmitten von Häuserschluchten oder in Gebäuden verbringen? Für eine solche Sternstunde bietet sich das Dach der Isaakskathedrale inmitten der Stadt an. Den fabulösen Ausblick kannst du im Titelbild dieses Reisberichtes bestaunen. Für etwa 200,- Rubel (ca. 3,- Euro) kann man die etwas unter 100 Meter der Kirche in kurzer Zeit erklimmen und den 360-Grad Ausblick über die Newa, St. Petersburg und seine unfassbaren 2.300 Paläste, Schlösser und Prunkbauten genießen.

Isaakskathedrale St. Petersburg

Die Isaakskathedrale in St. Petersburg

Nach dem Abstieg geht es für uns noch in das unweit der Kathedrale gelegene Craft Brew Café, in dem über 120 internationale aber vor allem russische Biere zum Probieren bereitstehen. Das Bestellen eines Bieres –wie auch eigentlich jede andere Kommunikation– ist dann aber alles andere als leicht: Die Russen scheinen der englischen Sprache wohl noch distanzierter gegenüberzustehen als die Franzosen. Und wer schon einmal in Frankreich war, der weiß, dass das etwas heißen will… Nach englischer Schrift oder englischsprechenden Menschen suchen wir bei unserem Aufenthalt vergeblich. Aber hey, das macht doch irgendwie auch den Reiz aus, oder?

Die ersten 24 Stunden in diesem uns so fremdem Land erleben wir so ganz anders, als wir es uns vorgestellt hatten: Die Stadt ist weltoffen, herzlich, erstaunlich grün, prunkvoll, weitläufig und das Klima ist zumindest im Sommer sehr angenehm warm. Es gibt flächendeckend freies WiFi in der ganzen Stadt und die Preise sind momentan sehr angenehm für uns Europäer. St. Petersburg versprüht –wenn man die wuseligen asiatischen Touristen einmal ausklammert– eine angenehme Ruhe, Entspannung und Freiheit. Wenn da nur der Aufwand mit dem Visum nicht wäre, gäbe es nun wirklich keinen Grund, St. Petersburg nicht als ein perfektes Wochenendtrip-Ziel zu sehen!

Für Abenteurer. Für Träumer. Für dich!

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