Sobolev Igor (Fotolia.com)

Wie wir unsere Vorurteile in Moskau verloren

Die größte Stadt Europas im größten Land der Erde kämpft mit den größten Vorurteilen.
Wir wollen damit aufräumen!

Es ist heiß in Moskau. Brüllend heiß! Das merken wir schon, als sich die Türe unseres Flugzeugs öffnet und wir unsere Füße auf den Boden des Vnukovo Airport setzen. Das wir in Russland sind? Merkt man überhaupt nicht! Sonnenbrille auf, Rucksack übergeworfen und auf gehts Richtung Stadt! Unser Flug aus St. Petersburg dauerte etwa eine Stunde, die Fahrt gen Moskau mit dem Airport Express-Zug (ca. 5,- Euro) eine knappe weitere.

Fliegen in Russland? Wir fühlen uns sicher!

Pobeda Flugzeug Vnukovo Airport

Unser Flieger am Vnukovo Airport

Für alle, die wie ich den russischen Verkehrsmitteln aus der Ferne nicht vertrauen: Ich bin selten so entspannt Economy-Klasse geflogen und auch der Zug nach Moskau macht einen hochmodernen Eindruck. Und für mich als Technikverliebter: Man kann sogar schon am Airport mit der Kreditkarte kontaktlos das „Ticket ziehen“. In Anführungszeichen deshalb, weil man eigentlich nur die Kreditkarte an die Schranke hält und diese daraufhin sanft aufgleitet. That`s it! So ist es übrigens überall in Moskau, man bekommt selbst die Dose Cola aus dem Automaten mit dem Davorhalten der Kreditkarte. Das sind ja schon schwedische Verhältnisse!

Schweißtriefend machen wir uns nach der Ankunft des Airport Express im westlichen Zentrum der Stadt (Bahnhof Kiyevsky) auf den Weg in Richtung unserer Unterkunft. Vorher aber gibt’s noch einen kurzen Zwischenstopp in der European Mall (Evropeisky) direkt neben dem Bahnhof: Ein futuristisches und quietschlebendiges Einkaufszentrum, das voller Blinkiblinki, Glitzer, Pomp und Kommerz nur so platzt. Die Auswahl an Ladengeschäftigen ist überwältigend gigantisch, hier könnte man Jahre verbringen. Und momentan ist auch die Klimaanlage ganz große Klasse! Ein besonderes Highlight ist der riesige Innenhof: Denn hier hängen tausende von leuchtend pulsierenden LED-Lichtern an zehn oder zwanzig Meter langen und sich auf und ab bewegenden Seilen, das ist ein absoluter Hingucker. Es gibt im Evropeisky aber auch einen hervorragenden Foodcourt, wo vom klassisch-langweiligen McDonalds über einen Italiener, Vietnamesen oder natürlich auch die russische Küche alles zu finden ist. Für alle, die in Moskau etwas abseits der Touristenpfade shoppen möchten, ist dieses Einkaufszentrum ideal. Und auch die Preise sind derzeit mehr als attraktiv!

Eine preiswerte und zentrale Unterkunft in Moskau

…ist ehrlich gesagt gar nicht so leicht zu finden. Aber möglich! Während wir in St. Petersburg den Luxus und die Annehmlichkeiten eines Vier-Sterne-Airport-Hotels genießen durften, geht es im teureren Moskau deutlich spartanischer zu. Das Landmark Hotel and Hostel in Moskau gleicht –wie der Name schon sagt– eher einem Hostel denn einem Hotel. Die Zimmer sind klein, spartanisch und rustikal. Aber auch sauber, gepflegt und hell. Es gibt lediglich Gemeinschaftsduschen- und Badezimmer und auch die Küche kann von jedem Gast gemeinsam benutzt werden.

Unterkunft günstig Moskau

Eher einfach: Unterkunft in Moskau (klein: St. Petersburg)

Ja okay, das ist deutlich mehr ein Hostel denn ein Hotel, macht aber auch nix! Denn das Personal ist freundlich, der Preis ist mit 1100 Rubel (ca. 19 Euro) je Nacht und Person im Doppelzimmer wirklich sehr gut und die Lage im westlichen Zentrum Moskaus ist ein Traum. Kaum verlässt man den ruhigen Hinterhof, an dem das Hostel liegt, wird man auf eine lebendige und sehr liebevoll dekorierte Einkaufsstraße gespült. Hier tummeln sich Cafes, Restaurants und Souvenirshops Reihe an Reihe und buhlen um die Laufkundschaft. Natürlich fehlen auch hier die üblichen Verdächtigen Starbucks, Mc Donalds & Co nicht.

Los geht’s ins Zentrum der Macht

„Weißes Haus kann ja jeder“, dachten wir uns und machten uns gleich am Folgetag auf den Weg ins Herz der Russischen Föderation: Den Kreml. Wer jetzt die hübschen und farbenfrohen Zwiebeltürme vor Augen hat, die einem gleich in den Sinn kommen, wenn es um den Kreml geht, den muss ich leider enttäuschen: Diese Türme gehören zur Basilius-Kathedrale, einer knapp 450 Jahre alten Kirche unweit des Kremls. Die Basilika ist im übrigen deutlich kleiner, als man meinen mag. Eintritt in den Prachtbau gibts natürlich auch (250,- Rubel/3,50 Euro normal, 100,- Rubel/1,50 Euro für Studenten mit ISIC) Natürlich wollen auch wir wir auf die obligatorischen Touristen-Fotos nicht verzichten und so muss die Basilika als ultimatives „Hey schau, wir waren in Moskau“-Motiv herhalten.

Basilius Kathedrale Moskau

Basilius-Kathedrale: Das Wahrzeichen Moskaus

Der Rote Platz ist gar nicht rot

Nicht verzichten auf ein solches Foto wollen wohl auch die gefühlten abermilliarden von asiatischen Touristen. Wir halten also fest, was wir nicht wussten: So unbeliebt Russland als Reiseziel im Westen zu sein scheint, so beliebt ist es im asiatischen Raum. Die Basilika trohnt am Ende des sogenannten Roten Platzes. Dieser ist übrigens gar nicht rot, der Name kam durch eine mehrdeutige Übersetzung zu stande, denn „rot“ und „schön“ sind im Russischen etwa gleich zu übersetzen. „Schön“ trifft es dann auch deutlich eher als „rot. Denn der Platz ist mit seinen 70 Metern Breite und 330 Metern Länge mit seinem liebevoll gepflasterten Boden, seinen vielen Brunnen und Verzierungen wirklich schön. Er wird beim Betreten zur linken vom gigantischen und sehr prunkvollen Einkaufszentrum GUM flankiert, das wirklich einen Besuch wert ist.

Roter Platz in Moskau

Das Einkaufszentrum GUM

Das GUM stammt aus der dem Ende des 19. Jahrhunderts und wurde im neorussischen und sehr eindrucksvollen Baustil gebaut. Es ist die wohl schillerndste Adresse Moskaus und wer sich angesichts von überaus teuren und edlen Ladengeschäften einen Einkauf dort nicht leisten kann –was nun wirklich nicht ungewöhnlich wäre– der sollte sich dort auf jeden Fall ein Eis gönnen und ein wenig durch die prächtigen und herrlichen verzierten und überdachten Gänge laufen. Denn hinter jeder Ecke könnte ein Springbrunnen, ein Wintergarten, ein kleiner Bach oder… ja auch eine historische Toilette lauern.

Einkaufszentrum GUM in Moskau

Mächtig? Ein Besuch im Kreml

Unsere Zeit ist leider begrenzt, unsere Schlagzahl daher hoch. Nächster Halt ist der Kreml! Das war für uns beide von Anfang an eine Pflichtveranstaltung, denn wann kommt man schon mal in den Kreml? Immerhin eines der Machtzentren der Welt. Hier muss man doch die Macht spüren! Wie vor dem Weißen Haus in Washington oder dem Reichstag in Berlin. Denkste! Kaum haben wir das Ticket (500 Rubel/7,- Euro Eintritt bzw. 250 Rubel/3,50 Euro für Studenten mit ISIC) gelöst und die mächtigen roten Tore des Kremls durchschritten, begegnet uns… Grün! Der Kreml ist grün, unglaublich grün. Stellenweise kommen wir uns eher vor wie in einem akribisch gepflegten botanischen Garten denn an einem der mächtigsten Orte des Planeten. Und das ist erstaunlich angenehm! Der Kreml ist eine Oase der Ruhe für uns. Umgeben von einer gigantischen, kilometerlangen und fast 20 Meter hohen und 6 Meter dicken Mauer, die Lärm und Smog abhält, würde ich den Kreml eher als eine art Stadtteil inmitten der Stadt bezeichnen.

Im Kreml selbst wirkt die Stadt auf einmal, wenn man von hin und wieder vorbeivagabundierenden asiatischen Touristenhorden einmal absieht, wie ausgestorben. Gigantische Straßen: Leer. Beeindruckende Gebäude: Ausgestorben. Wurden uns vor wenigen Minuten noch skurrile Moskau-Schneekugeln und Matroschkas angedreht so ist es hier herrlich still. Würden sich die Verkäufer hier hereintrauen, wäre es wahrscheinlich die letze Putin-Kaffeetasse, die sie einem Touristen andrehen würden.

Ich schlendere gerne über leere Straßen und das möchte ich auch hier machen. Gibt ja genug Platz, ist ja eh kaum jemand hier. Kaum habe ich aber einen Schritt auf die Straße getan, ertönt ein greller Pfiff, ein Polizist –kaum älter als ich und viel zu klein für seine große Mütze– erscheint aus dem Nichts, einem Gebüsch, aus einem Erdloch oder woher auch immer und dirigiert mich mit strengem Blick auf den Fußweg zurück. Es muss wohl auch hier alles seine Ordnung haben.

Abseits der Regierungsgebäude, Straßen und Parks ist der Kreml gespickt mit vielen dutzend russisch-orthodoxen Kirchen. Um diese zu betreten, muss beim Ticketkauf ein (etwa 700 Rubel/10 Euro teureres) spezielles Ticket gelöst werden, das den Eintritt in die Räumlichkeiten Beinhaltet. Mit Kirchen bin ich allerdings spätestens seit St. Petersburg bedient und im Anbetracht unserer knappen Zeit begnügen wir uns also mit den Außenfassaden und lassen das Gesamtbild im Schatten einer grünen Pappel auf uns wirken, während sich die asiatischen Touristen durch den winzigen Eingang quetschen wie ich in eine zu enge Hose. Wer schon mal im Vatikan war, der ist kirchentechnisch so oder so nur noch sehr schwer zu beeindrucken.

Was du dir sparen kannst: Bolschoi-Theater

In jeder Stadt gibt es Sehenswürdigkeiten und Orte, die enttäuschen. Für uns war das Bolschoi-Theater ein solcher Ort in Moskau. Ich muss dazu sagen: Wir waren nicht innerhalb des Gebäude, es war leider an diesem Tag geschlossen. Das Innere des Theaters wurde kürzlich erst für unfassbare 1,1 Milliarden Euro renoviert. Ein einziges Theater von der Größe eines Audimax! Wie es da drinnen aussehen muss, kann man sich sicher vorstellen. Für uns muss es an diesem Tag beim Vorstellen leider bleiben. Macht aber auch nichts, denn das Äußere stößt uns schon ziemlich ab. Nicht so sehr das Theater, viel mehr der Trubel auf dem Vorplatz. Hier zeigt sich Russland dann doch mal von seiner klischeebehafteten Seite: Unfassbar laute Techno-Schranz-Ohrenquäler-Musik wummert aus aufgestellten Boxen, aufgestellte Hütten wie auf einem Weihnachtsmarkt verkaufen „German Bratwurst“ „Real American HotDogs“ und „Italian Pizza“, ein abgehalfterter Karaokesänger gibt irgendein unverständliches englisches Zeugs von sich. Die Häuser sehen festmontiert aus, insofern ist das sicherlich keine kurzfristige Angelegenheit. Schade.

Der Gorki-Park ist Moskaus grüne, wunderschöne Lunge

Wer diesen Blog verfolgt, weiß: Ich LIEBE grüne Städte! Nun ich würde nicht so weit gehen, Moskau als eine solche zu bezeichnen, dafür gibt’s hier dann doch viel zu viel Beton und Bauwerke. Aber Moskau hat ein grünes Herz und das ist der Gorki-Park mit dem angrenzenden Naturschutzgebiet Sparrow Hills. Dass man sich inmitten eines 12-Millionen-Molochs befindet, kann man schon fast gar nicht mehr glauben, nachdem man seinen ersten Fuß durch die Sicherheitskontrollen des Parks gesetzt hat.

An diesem lauen Sommerabend tummeln sich abertausende von Moskowitern auf den gigantischen, gepflegten und gemütlichen Wiesen. Sie singen, sie tanzen, sie trinken und genießen einfach den Abend. Wie bei uns in Deutschland. Wie wir. Inmitten des Parks, zu Fuße des Stadions, das schon 2018 das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft austragen wird, lassen wir uns nieder und genießen das (übrigens erfreulich leckere) russische Bier, während die Sonne hinter Moskaus beleuchteten Prachtbauten langsam untergeht. Ich glaube, wir haben uns verliebt.

Ich möchte ehrlich sein: Vor unserer Reise nach Russland war das Land für mich fremd, kalt, düster und trist. Und ganz bestimmt war Russland für mich immer mehr Asien denn Europa. Einfach anders, einfach weit weg. Nicht nur nach den Kilometern, auch vom Herzen. Nun ist ein kurzer Städtetrip nach St. Petersburg und Moskau nicht mal ein Bruchteil des gesamten Russland –ich weiß das– und dennoch erlaubt es einen kurzen schnellen Blick in die Seele des Landes. Und die lebt frei, offen und herzlich. Europäisch.

Für Abenteurer. Für Träumer. Für dich!

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  1. Silvio

    am 29. Juni 2018 um 00:37 Uhr

    Interessant! Euer Bericht hat wirklich einen tollen Eindruck verschafft. Habe nun auch einen 2 Wöchigen Urlaub in Moskau gebucht und möchte mir das mit eigenen Augen ansehen.. Schade, dass die WM dann schon vorbei ist

    1. Marius

      am 29. Juni 2018 um 10:14 Uhr

      Hi Silvio,
      vielen Dank für dein Kompliment! Ja, die WM in Russland zu erleben wäre sicherlich ein tolles Erlebnis. Auch wenn Sie viel Negatives bringt: Sie gibt diesem Land die Möglichkeit, sich einmal von der Seite zu zeigen, wie es Russland verdient hätte. Zwei Wochen in Moskau ist natürlich verdammt lange für eine Stadt, aber wenn du dort im Sommer bist, wird dir da ganz sicher nicht langweilig werden! Ganz viel Spaß in Moskau!

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