Der Inle-See: Heimat der Einbeinruderer

Die Ruderer sind ein bekanntes Motiv doch mehr begeistert uns die Natur drumherum

Dies ist der zweite Teil eines Reiseberichts, den ersten Teil findest du hier:

Die Drei-Tage-Wanderung zum Inle-See

Von versteckten Dörfern, herzlichen Menschen und einer unglaublichen Gastfreundschaft

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Kalt, verdammt kalt beginnt der erste Morgen unserer Drei-Tage-Wanderung an den Inle-See. Durch die Bretter der Hütte zieht jeder Wind, der Holzboden ist von Tau benetzt und auch die vier Decken, die jeder von uns am Vorabend bekommen hat, lassen sich nur warm halten, wenn man den eigenen Atem zur Hilfe nimmt und den Kopf zum Schlafen vollständig unter die Decke steckt. Da kommt der grüne Tee, der bereits dampfend auf dem Tisch steht, gerade recht, bevor es um sieben Uhr morgens weiter in die burmesischen Berge geht. Der Nebel liegt morgens dermaßen dicht, dass die Szenerie, die sich uns bietet wirkt, als wäre sie aus einem Horrorfilm entlaufen. Und doch irgendwie wunderschön, wie so vieles in Myanmar…

Während die Sonne langsam über die Hügel klettert und den dichten Nebel vertreibt, bahnen wir uns weiter unseren Weg durch Wiesen, Wälder und Felder. Selbst noch nicht richtig wach, hält rund um uns herum das Landleben schon vollen Einzug: Die Chilibauern und -erntehelfer wuseln sich schon mehr als fleißig durch ihre Felder und pflücken das rote Gold, wie sie es hier nennen. Mit welchen unglaublich einfachen Mitteln hier gesäht und geernet wird, kann man sich aus einem Hightech-Land wie Deutschland kommend überhaupt nicht mehr vorstellen: Oftmals besteht das Werkzeug nur aus einem Holzkarren mit Holzrädern und einem Wasserbüffel.

Ein Großteil des Weges heute führt entlang einer Eisenbahnstrecke. 28 Kilometer laufen wir heute über Stock und Stein in Richtung Inle-See. Stundenlang laufen wir über die Bahngleise und fühlen uns ein wenig wie in „Stand by me“. Vorbei an nicht ganz so fleißigen Hunden und an umso fleißigeren Feldarbeitern, die mit ihren einfachen Stöcken den Reis weichklopfen.

In einem Dorf dann stolpern wir bei einer alten Frau in ihre Hütte. Ruhig sitzt sie dort und fertigt Taschen, Schals, Tischdecken und allerlei anderes. Sie sei 97 Jahre alt und mache das seit über 80 Jahren, erzählt man uns. Für umgerechnet drei Euro nehmen wir uns einen Schal mit, der Cosi seitdem treueste Dienste erweist. Schließlich kann jeder H&M, aber wer kann schon einen Schal eines burmesischen Großmütterchens sein eigen nennen?

97 Jahre alt und noch immer produziert sie fleißig Schals

Nach einem einfachen, burmesischen Nudelgericht geht es weiter. Es ist jetzt Mittagszeit und die Sonne knallt uns mit über dreißig Grad bei leichtem Wind auf die Köpfe. Gleich hinter Großmütterchen’s Dorf verändert sich plötzlich die Vegetation und aus weiten Feldern, Wiesen und Laubwäldern wird auf einmal rote Erde mit leichtem Bewuchs. Links und rechts sprießen Kakteen aus dem Boden und augenblicklich hat man das Gefühl, in einem ganz anderen Land zu wandern. Hinter einem Hügel dringen Stimmen zu uns und wir stoßen nach kurzer Zeit auf eine Grundschule. Entgegen unserer Erwartung gibt es in Myanmar in jedem noch so kleinen Dörfchen eine Schule mit äußerst lebhaften und glücklich wirkenden Kindern. Daumen hoch! Jeden Mittag wird die Nationalhymne geschmettert und so beobachten wir neugierig das Treiben. Wenn ich nur die Hälfte dieses Elans in der Schule gehabt hätte…

So wandern wir Stunde um Stunde mal unterhaltend und lachend, mal schweigend durch Myanmar auf den Inle-See zu. Am späten Nachmittag gelangen wir in ein kleines Örtchen (Es tut mir wirklich leid, aber ich kann mir diese Namen einfach nicht merken…) mit einem Bahnhof. Da die Gleise in einem viel besseren Zustand sind, als die hiesigen Straßen, nutzen auch die Einheimischen diese als Fußweg. Kommt ein Zug, bleibt nur noch ein beherzter Sprung in die Büsche links und rechts der Strecke. Wir sind froh über den kurzen Stop, decken uns mit Trinkwasser ein, gönnen unseren Füßen eine kleine Pause und fangen die strahlende Sonne ein.

Myanmar: Wo die Kühe Pullover tragen

Am späten Nachmittag erreichen wir dann nach etwa acht Stunden Wanderung unsere zweite Unterkunft. Wie auch schon am Vortag ist es ein simples Holzhaus mit zwei Stockwerken. Unsere Gastgeber sind Erdnussbauern und so liegen die Nüsse vor dem Haus auf einer Plane und warten nur darauf, von uns gegessen zu werden. Während wir unsere Blasen an den Füßen bearbeiten, werden die Kühe in das Erdgeschoss getrieben. Ja genau, denn sie werden heute Nacht im Stockwerk unter uns schlafen. Da es nachts in Myanmar sehr kalt werden kann, werden den Tieren tatsächlich Pullover angezogen, hier soll ja niemand frieren…

Pullover Myanmar Kuh

Myanmar: Hier tragen auch Kühe nachts Pullover…

Am nächsten Morgen, dem dritten Tag der Wanderung an den Inle-See, steht uns nur noch ein halber Tag Wanderung bevor. Die Wege werden weniger steil, das Klima langsam milder. Wir passieren einen kleinen Bergpass, wandern durch Wäldchen, an Bächen und seltsam anmutenden Pflanzen vorbei, es geht nun bergab gen Inle-See. Gegen Mittag dann erreichen wir die See-Zone. Auch wenn der Tourismus in Myanmar noch in den Kinderschuhen steckt, so weiß man auch hier Touristen sehr gut abzukassieren: Der bloße Eintritt in die Zone des Inle-See kostet acht Euro. Was für uns nicht viel ist, ist für burmesische Verhältnisse ausgesprochen teuer: Dafür kann man in Myanmar vier mal Essen gehen.

Eintritt Inle See

Der Inle-See kostet Eintritt

Am See angekommen steigen wir nach einem einfachen und kurzen Mittagessen mit einem lebensrettenden, eiskalten Bier, in ein burmesisches Langboot. Hier passen fünf Menschen hintereinander hinein, ein Burmese steht hinten am Steuer und gibt Vollgas. Wir entspannen unsere geschundenen Füße und lassen uns den Fahrtwind ins Gesicht wehen. Etwa eine Stunde dauert die Fahrt über den See vom Süden, wo wir angekommen sind, bis zum Norden, wo das kleine Örtchen Nyaung Shwe und unser Hotel liegen.

Ein besonderes Highlight, dem der Inle-See seine Berühmtheit zu verdanken hat, sind die Einbeinruderer. Natürlich haben sie zwei Beine, sie stehen jedoch stets nur auf einem Bein. Das kann man auf nachfolgendem Foto sehr gut sehen. Mit einem Bein stehen sie, mit dem zweiten Rudern sie das Boot und mit den beiden freien Armen halten sie das Fischernetz. Ich könnte in einem solch schmalen Boot vermutlich nicht mal vernünftig hocken und es ist faszinierend zuzusehen, wie sie spielend den leichten Wellengang meistern. Unglaublich…

Fischer Inle See

Fischt auf einem Bein: Ein Fischer auf dem Inle-See

In Nyaung Shwe (Nijang Schue gesprochen) angekommen, erwartet uns bereits unser Gepäck, dass schon auf unserem Hotelzimmer bereitliegt. Unser Hotel in Nyaung Shwe ist das Yar Pyae, das wir mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis weiterempfehlen können (morgens nach Schokopfannekuchen fragen!). Nach über siebzig Kilometern Fußweg ist uns verständlicherweise nicht wirklich mehr nach Bewegung und wir verbringen den Abend duschend und auf dem breiten Hotelbett gammelnd.

Not much to see in Nyaung Shwe

Am nächsten Morgen wachen wir auf und stellen fest, dass es in Nyaung Shwe nicht viel zu sehen gibt. Das Städtchen ist hässlich, laut und schlicht überflüssig. Warum man an so einem schönen See gefühlt alle Unterkünfte hier gebaut hat, erschließt sich mir nicht. Im Umland gibt es das eine oder andere Dorf zu besichtigen und im Westen des Sees kann man Einheimischen bei der Tofuherstellung zuschauen, aber wir haben in den letzten drei Tagen wahrlich mehr als genug Dörfer gesehen.

Zwar ist uns auch heute eher nach Nichtstun zumute, aber es ist mein Geburtstag und irgendwie möchte man den dann doch nicht bei bestem Wetter und traumhaftem Sonnenschein im Hotelbett verbringen. Und so schwingen wir uns auf die klapprigen Hotelfahrräder und fahren zur Weingut Red Mountain Winery. Man erwartet es nicht wirklich, aber es gibt hier tatsächlich ein Weingut, das sogar ziemlich passablen Wein herstellt. Wir trinken uns Dank des feierlichen Anlasses (Ausrede!) durch diverse Weine und essen eine Rotwein-Bolognese, die ich unbedingt weiterempfehlen muss! Die Aussicht auf das Umland kann man vom Weingut in Nyaung Shwe wundervoll genießen.

Eine zweite Aktivität, die in Nyaung Shwe an jeder Straßenecke angeboten wird, sind Kochkurse. Wir haben absolutes Gefallen an burmesischer Küche gefunden und verabreden uns mit zwei reizenden Deutschen (Ja, Julia und Pablo, ihr seid gemeint!) zu einem gemeinsamen Kochkurs am Spätnachmittag. Zugegeben ist die burmesische Köchen bei Paw Paw derart schnell und die Zutaten so zahlreich, dass wir uns auf das Zugucken, Fragen, Staunen und natürlich Essen beschränken. Spaß macht es allemal und für gerade einmal acht Euro pro Person ist es auch noch ein echter Schnapper und wirklich verflucht gut! So kann man einen Geburtstag ausklingen lassen.

Lohnt sich die Wanderung zum Inle-See?

Die Wanderung von Kalaw zum Inle-See ist definitiv eines unserer Highlights in Myanmar. In einem Land, neben dem Thailand wie eine Industrienation wirkt, einmal so richtig auf Tuchfühlung mit den Menschen zu gehen ist ein einmaliges Erlebnis. Mit welchen einfachen Mitteln sie ihren Alltag meistern und dabei niemals das Lächeln auf den Lippen verlieren ist etwas, was wir grummeligen Deutschen uns in Myanmar abschauen können. Die Herzlichkeit, die uns begegnet, ist überwältigend, die Freude ansteckend. Die Natur ist wunderschön, das Wetter umso schöner. Wer bereit ist, Hotelkomfort gegen einfachstes Landleben ohne Strom und fließendes Wasser einzutauschen, auf Matratzen zu schlafen, die den Namen nicht verdienen, und wer bereit ist, mit wenig auszukommen, der wird auf dieser Wanderung viel über sich selbst lernen und allein das ist es doch wert. Oder nicht?

Für Abenteurer. Für Träumer. Für dich!

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  1. Paul

    am 26. März 2018 um 18:24 Uhr

    Beide Artikel über die Wandertour zum Inle-See sind wie immer top. Die Bilder mit dem Essen. lassen mich schon wieder von Myanmar und der asiatischen Küche träumen. Aber ich darf 20 Studierenden bei der BA helfen, auch abwechslungsreich. Irritiert hat mich der Weißwein bei der Rotwein-Bolognese. Und ach, eh ich vergesse: Alles Gute zum Geburtstag!

    1. Marius

      am 27. März 2018 um 05:07 Uhr

      Hi Paul
      Vielen Dank für das Kompliment! Ja und ich stimme dir zu, Weißwein zur Rotweinbolognese klingt seltsam, aber: Wir mögen beide keinen Rotwein (außer verkocht) und haben uns deshalb dazu einen Weißwein genommen! :)

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