Kurztrip: 24 Stunden in Sofia

Wir verbringen einen Tag in Sofia, der Hauptstadt von Bulgarien. Doch lohnt sich das?

Unser diesjähriger Osteuropa-Trip beginnt mit: Schwarzfahren. Nicht dass wir das gewollt hätten und nicht, dass wir nicht willig gewesen wären, 1,20 BGN (0,80 Euro) für eine Busfahrt zu bezahlen. Nein, wir können einfach den Ticketentwerter im Bus nicht finden. Erst bei genauerer Betrachtung entdecken wir die kleinen, gelben und unscheinbaren Locher, die hier und da im sonst eigentlich recht modernen Bus verteilt sind, na dann kann unser einwöchiger Trip durch Bulgarien und Rumänien ja doch noch „legal“ losgehen! Erster Stop: Sofia, Bulgarien.

Die Stadt empfängt uns, wie der Wetterbericht es uns hat befürchten lassen: Mit unserem kleinen, langsamen Büslein schiebt sich eine dunkle, kalte Schlechtwetterfront in die Sofiaebene. So nämlich heißt die geographische Region, in der die 1,2 Millionen-Einwohner-Stadt liegt. Gleich vor den Toren der Stadt trohnt das Witoscha-Gebirge, dass mit seinen Zweitausendern, das Klima und Stadtbild prägt. Es dient den Sofianesen…Sofianern…Sofen…Wieauchimmer als Naherholungsgebiet und sorgt für ein frisches und beständiges Klima. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass sich Sofia etwa sechshundert Meter über dem Meeresspiegel befindet. Du solltest also nicht unbedingt immer mit dem wärmsten Wetter rechnen und dich auch im Hochsommer auf ein paar kühle Abendstunden gefasst machen, die südliche Lage kann nämlich trügen.

Streets of Sofia…

Streets of Sofia…

Sofia: Das neue Berlin?

Diese Phrase habe ich schon öfters gehört, denn unsere Hauptstadt ist nicht das einzige, (ehemals) günstige Pflaster mit Ostblockcharme und mit noch zu erobernden Kiezen. Wir merken schnell, dass hier eine alternative Szene Wurzeln geschlagen hat, warum auch nicht: Die Stadt ist mehr als bezahlbar, der Wohnraum zählt mit knapp 350 Euro im Monat für eine mittelgroße, zentrale Wohnung zu den günstigsten in einer europäischen Hauptstadt. Die Stadt hat eine ausgeprägte Kunst- und Untergrundszene. Sofia ist mit etwas mehr als einer Millionen Einwohnern überschaubar in ihrer Größe und sehr gut via Flugzeug und auch Fernbus bzw. Bahn zu erreichen. Als jemand, der selbst mehrere Jahre in Berlin gelebt hat, muss ich allerdings feststellen, dass Sofia in Sachen Charme und Fortschritt noch so weit von Berlin entfernt ist, wie Duisburg davon, schön zu sein. Es gibt Städte, die fesseln mich sofort wenn ich die ersten Meter zurücklege und es gibt solche, die tun das nicht. Sofia gehört für mich, zumindest nach den ersten Metern, zur letzteren Kategorie. Aber niemand sollte eine Stadt nach nur wenigen Metern bewerten, einen genaueren Blick verdient jedes Pflaster, oder?

Ein Tag in Sofia: Was tun?

Mein Tipp für die bulgarische Hauptstadt, nein für eigentlich jede Stadt, die du mit nur einem einzigen Tag Zeit besuchen möchtest, ist stets der gleiche: Schnapp dir eine Free Walking Tour! Das habe ich schon überall auf der Welt gemacht und war stets begeistert. Insbesondere in Osteuropa bietet sich eine solche Tour an, da die Städte hier sehr oft mit interessanten Geschichten gesprenkelt sind, die du als „normaler Fototourist“ auf der Durchreise so nicht hören würdest. Diese kostenlosen Touren sind natürlich nicht kostenlos, sondern spendenfinanziert. Je nach Zufriedenheit sollte am Ende der Tour ein vernünftiges Trinkgeld (Hier in Sofia etwa 15 bis 20 BGN, ca. 7,50 bis 10 Euro) stehen. Dieses System hat den großen Vorteil, dass sich die Guides Mühe geben und nicht einfach nur ihr Programm wie von einer Bandansage abspulen. Es sind oft, wie auch hier in Sofia, junge Studenten, die die Stadt zwar fundiert auf der einen, aber auch kritisch und authentisch auf der anderen Seite sehen. Insbesondere das Kritische ist es, das mich im Zweiergespräch mit den Guides immer sehr fasziniert und auch interessiert.

Free Walking Tour Sofia

  • Wo: Justizpalast Sofia (Sudebna Palata) unter den Steinlöwen
  • Wann: 365 Tage im Jahr bei jedem Wetter
  • Wann genau: 10 Uhr (nur April bis Oktober), 11 Uhr, 14 Uhr, 18 Uhr
  • Dauer: Angegeben sind 2 Stunden, bei uns waren es 2,5 Stunden
  • Keine Anmeldung erforderlich, einfach auftauchen
  • Die Tour findet auf Englisch statt
  • 7,50 bis 10 Euro Trinkgeld pro Person sind angemessen

Die Free Walking Touren in Sofia finden 365 Tage im Jahr drei, bzw. vier mal täglich statt, eine Anmeldung ist nicht nötig, einfach am Justizpalast (unter den großen Löwen, schräg gegenüber von McDonalds) aufkreuzen und nach den jungen Leuten mit dem charakteristischen „Free Sofia Tour“-Schild Ausschau halten. Die Tour ist auf englisch (und seltener auch auf spanisch) und findet bei jedem Wetter statt. Alle Stops der Tour sind in einem überschaubaren Rahmen zu Fuß abzulaufen, ein paar wenige Kilometer auf etwa zweieinhalb Stunden Tour verteilt machen das Entdecken zu einem angenehmen und informativen Spaziergang.

Unter den Löwen: Start der Free Walking Tour in Sofia

Sofia selbst ist durch den sowjetischen Städtebau geprägt. Die Bezirke rund um den Stadtkern sind dementsprechend wenig ansehnlich und auch wenn wir lediglich mit dem Bus durch sie gefahren sind, hast du aus touristischer Perspektive vermutlich nicht viel verpasst. Das touristische und auch städtische Leben abseits der Plattenbauten findet also in einem wenige Quadratkilometer umspannenden Bereich im Zentrum statt. Die Tour führt vorbei an wunderschön restaurierten Gebäuden, kleinen Kirchen, Synagogen und Moscheen. Die Stadt ist durch ihre Geschichte sehr multikulturell geprägt. Immer wieder fallen uns Bauten aus der Römerzeit auf, die inmitten des sozialistischen Klassizismus (der übrigen schöner ist, als es klingen mag) einen etwas seltsamen Kontrast erzeugen.

Mitunter wurden moderne Gebäude einfach um alte Sehenswürdigkeiten herum gebaut. Das führt dann zu interessanten, architektonischen Kombinationen wie beispielsweise die Rotunde des Heiligen Georg inmitten des Sitzes des Präsidenten von Bulgarien, da haben die Bulgaren ihren Präsidentensitz einfach um die Kirche drumherum gebaut. Warum nicht.

Alt inmitten von neu: Die Rotunde des Heiligen Georg

Schön zu sehen ist, wie gut diese Bauten vergangener Tage erhalten sind bzw. restauriert wurden. So findet sich unter der Prachtstraße gleich vor dem neuen, bulgarischen Parlament, eine sehr schön restaurierte und konservierte alte Römerstraße. Durch futuristisch anmutende Glasfenster strömt das Tageslicht in diese unterirdische Halle und lässt uns inmitten in der Stadt durch alte, römische Gassen schlendern.

Die Tour endet am Wahrzeichen und vermutlich bekanntesten Gebäude der Stadt: Der Alexander-Newski-Kathedrale. Zu Ehren aller gefallenen, russischen Soldaten, die bei der Befreiung Bulgariens von den Osmanen 1878 fielen, wurde diese Kathedrale errichtet. Von Außen ist das Gebäude schön anzusehen, von innen hingegen ist es erschreckend dunkel, als hätte jemand die Fenster vergessen. Fotos im Inneren sind übrigens leider nicht erlaubt.

Alexander-Newski-Kathedrale

Sofias Wahrzeichen: Die Alexander-Newski-Kathedrale

Aussicht? Sofia von oben

Immer schön ist es derweil, eine Stadt auch einmal mit etwas Ausblick betrachten zu können. Optimal geht das vermutlich vom vorhin erwähnten Witoscha-Gebirge aus, dazu fehlt uns aber bei unseren 24 Stunden in Sofia die Zeit. Die „etwas“ flachere Alternative ist da der nationale Kulturpalast. Das klingt jetzt ein wenig schöner als es das in Wirklichkeit ist. Das Gebäude liegt im Süden des Zentrums und wirkt von außen mehr wie eine Arena aus „Die Tribute von Panem“ denn wie ein Kulturpalast.

Kulturpalast Sofia

Entlaufen aus den Tributen von Panem: Der Kulturpalast

Von innen ist das Kongresszentrum leider auch nicht wirklich eleganter und erinnert an die architektonische Sternstunden der 1970er Jahre. Zum Zeitpunkt unseres Besuches wurde hier gerade ein Katastrophenfilm (gute Wahl des Sets!) gedreht, das Gebäude war also weitestgehend leer. Wir haben uns – weil Dreistigkeit siegt – einfach mal als Filmcrew ausgegeben und sind schnurstracks zur Aussichtsplattform gestiefelt. Das hat erstaunlicherweise sogar geklappt. Auf etwa 50 Metern Höhe gibts so einen (gratis) 360° Rundblick auf Sofia.

Ausblick von oben in Sofia

Der Ausblick vom Kulturpalast

Restaurants in Sofia: Viel Auswahl, gutes Essen, gute Preise

Nach einem halben Tag in Sofia auf eigene Faust und mit einer geführten Tour kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem du Hunger bekommen wirst. Wie gut, dass Sofia in diesem Punkt nicht enttäuscht: Die Restaurantszene ist vielfältig, die Preise sind mehr als fair und die Portionen üppig. Für Vegetarier wird es allerdings etwas schwierig, denn das Essen in der Balkanregion ist ziemlich fleischlastig. Wir entscheiden uns für das Manastirska Magernitsa im Stadtzentrum, das wir hier wärmstens weiterempfehlen können. Für Sparfüchse: Am Tourende der Free Walking Tour Sofia gibt es übrigens ein kleines Empfehlungsheftchen, mit dessen Vorlage du einen Rabatt auf das Essen in diversen Restaurants erhältst. Aber ob du nun im Magernitsa oder irgendwo anders speist: Einen Shopska-Salat zur Vorspeise und das Gericht, das auf den epischen Namen Troika Kebapcheta hört, solltest du dir zusammen mit einem bulgarischen Bier (3,- BGN, also 1,50 Euro für 0,5 Liter) nicht entgehen lassen!

Ein Besuch im (Super)markt

Ich finde, dass man nirgendwo die Eigen- und Besonderheiten eines Landes so gut kennenlernen kann, wie in einem Supermarkt und genau deshalb watschel ich meistens schnurstracks in einen, sobald ich einen entdecke. Die Preise hier liegen leicht unter den deutschen Preisen, die Auswahl ist sehr ähnlich. Wenn man aber bedenkt, dass der durchschnittliche Deutsche knapp sechs mal mehr verdient, als sein bulgarisches Pendant, dann wird schnell klar, wie günstig Leben bei uns und wie teuer es anderswo ist. Oder würdest du 24 Euro für ein Antischuppenshampoo eines auch bei uns bekannten weiß-blauen Herstellers berappen wollen? Wohl eher nicht…

Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Bulgaren hauptsächlich noch immer auf Märkten einkaufen, der Supermarkt ist hier auch noch immer Nische. Einen der interessanteren Märkte findest du unter dem Namen „Central Market Hall“ im Zentrum der Stadt, wer hätte das gedacht… Hier kannst du jeden Tag bei Wind und Wetter überdacht durch bulgarische Geschäfte streunen und sehr gut einmal den Finger an den bulgarischen Puls legen um ein Gefühl für die Essenskultur, die Preise und einfach das alltägliche Leben hier fühlen. Die Halle ist außerdem ein guter Ort zum Frühstücken und um von hier deinen Tag in Sofia zu beginnen.

zentrale Markthalle Sofia

Die zentrale Markthalle in Sofia

Und das Fazit? Lohnt sich ein Kurzbesuch in Sofia?

Wer unserem Blog ein wenig genauer folgt, der weiß, dass wir auch um kritische Worte gegenüber Reisezielen nicht verlegen sind. Sofia ist da ein etwas schwierig zu bewertendes Reiseziel. Zuerst einmal liegt der Charme der Stadt in seinen Details und ich denke, dass du in dem Moment in der Stadt so richtig auf deine Kosten kommst, sobald du jemanden in Sofia kennst, der die Stadt lebt und liebt. Für einen außenstehenden Tagestouristen wie ich einer bin, fällt der Zugang zur Schönheit der Stadt schwer. Sicher: Sofia ist zumindest im Kern wunderbar restauriert. Die Stadt ist übersichtlich, hat eine gute Größe und die Preise sind absolut fair. Aber das alles ist ja noch kein Grund, einen Kurztrip nach Sofia zu starten, oder?

Mir ist es nach knapp 24 Stunden in der Stadt schwer gefallen herauszufinden, warum ich denn noch einmal wiederkommen wollen würde. Und so richtig will mir auch jetzt im Rückblick dafür kein Grund einfallen. Mein ehrliches Fazit kann daher nur lauten, dass ein Trip nach Sofia nicht zwangsläufig ganz oben auf deiner ToDo-Liste stehen braucht, touristisch hat die Stadt nicht unbedingt viel zu bieten und ist damit ein klassisches Eintages- oder Durchreiseziel. Ganz anders sieht die Sache allerdings aus, wenn du Bekannte dort hast, davon bin ich überzeugt. Aber wie immer gilt: Mach dir selbst ein Bild!

Für Abenteurer. Für Träumer. Für dich!

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